Nachrichtendetails

Negativ-Zins-Wahnsinn und Chancen

04.09.2019


Und wieder schreiben wir vom Zins-Wahnsinn, geschürt durch eine krasse Flucht in Sicherheit und globale Zinssenkungs-Erwartungen an die Notenbanken. Die Bewertungen von Anleihen erreichen noch groteskere Niveaus, während Aktien hierzulande von Unsicherheit gedrückt sind. Ein konstruktiver Gedanke wäre, die Negativ-Zinsen und die günstigen Bewertungen von Aktien für die Auflage eines DEUTSCHLAND-FONDS zu nutzen. Unser Land könnte dadurch viele Probleme lösen und von Zukunftszuversicht beseelt werden

Wangen im Allgäu, 4. September 2019: Die Ängste sind groß in diesem Sommer. Handelskriege, Brexit, Italienische Regierungskrise, Iran-Konflikt und vieles weitere mehr belastet die Stimmung an den Märkten. Darüber hinaus seien die Monate September & Oktober sowieso ganz besonders zu fürchten. Stimmt das überhaupt?

Diese These muss aus früheren Zeiten herrühren, denn schaut man den September-Verlauf des deutschen Aktienindexes seit 2004 an, so sieht es gar nicht so schlecht aus. Nur 5 der letzten 15 September-Monate waren negativ. Viel sinnvoller wäre es, vor dem August Angst zu haben (davor warnen jedoch nur wenige…). 10 von 16 August-Monaten waren negativ (inklusive 2019). Zeitweise war der Dax dieses Jahr im August sogar 8% im Minus.

Nicht nur die Anzahl der positiven Monate war im September besser, auch das Ausmaß der Anstiege ist höher, als in den positiven August-Beispielen. Der September hat also seinen Ruf zu Unrecht, zumindest im Vergleich zu dem oft eher neutral bewerteten August.

Zins-Wahnsinn geht weiter

Aufgrund der großen Ängste und der globalen Zinssenkungspanik der Notenbanken geht die Flucht in Anleihen weiter und erreicht groteske Züge. Für alle deutschen Staatsanleihen muss man nun Zinsen bezahlen, wenn man sie erwerben will, selbst für 30-jährige (-0,20% pro Jahr!). Auch die Franzosen bekommen Geld, wenn sie sich verschulden (-0,81% für 2-jährige, -0,75% für 5-jährige, -0,38% für 10-jährige Laufzeiten). Wie Schuppen fällt einem der Wahnsinn ins Auge, wenn man betrachtet, dass Portugal und Spanien sich für nahezu umsonst verschulden und Italien weniger als 1% für 10-jährige Staatsanleihen bezahlen muss (siehe folgende Grafik). Für 2-jährige Schulden bekommen die Italiener sogar Geld (-0,38% Rendite). Insgesamt notieren global nun Anleihen im Wert von 15 Billionen USD (in Worten: Fünfzehntausend Milliarden!) im negativen Bereich.

Trotz großer Ängste sind die Aktienmärkte dieses Jahr immerhin im Plus. Viele Risiken wurden bereits in den schwachen Kursen des Jahres 2018 eingepreist. Dieses Jahr schaut der Markt eher durch die Risiken hindurch und handelt bereits eine Zukunft, die die aktuell belastenden politischen Themen hinter sich gelassen hat, auch wenn sich das gerade nicht so anfühlt. Aktien sind also im Plus. Doch wer wirklich Rendite generieren wollte in diesem Jahr, der musste zinslose oder negativ verzinste Anleihen mit langen Laufzeiten kaufen!

Während der Dax zur Stunde läppische 14% erreicht, hat man mit einer 30-jährigen Bundesanleihe in diesem Jahr bereits knapp 28% eingefahren. Doch auch das sieht mager aus, neben der „Wertentwicklung“ einer Anleihe des Österreichischen Staates mit 100 Jahren Laufzeit (von Deutschland gibt es keine 100-jährigen Anleihen). Diese verzeichnet seit Jahresanfang unglaubliche 67% Kursgewinn. Eine Performance, die jede noch so heiße Technologie-Aktie vor Neid erblassen ließe.

Anleihen degenerieren zu reinen Spekulations-Objekten

Das Problem ist, dass solche Anlagen kein vernünftiger Mensch kauft. Im Ernst, welcher verantwortungsbewusste Anleger oder Vermögensverwalter soll heute eine 30-jährige Bundesanleihe kaufen mit -0,20% Rendite. Das würde über die gesamte Laufzeit einen garantierten Verlust von -6% bedeuten (ohne Inflations- und Zinseszinseffekt). Anleihen degenerieren vor diesem Hintergrund zu reinen Spekulationsobjekten. D.h. man kauft etwas - egal was - nur weil man davon ausgeht, dass man dieses Papier später an einen anderen Dummen zu noch höheren Kursen weiterverkaufen kann. Sprich, man kauft etwas nur weil es steigt, ohne inneren Wert, ohne Zins, ohne Gewinn, ohne alles!

Des einen Leid, des anderen Freud

Während Anleger und Sparer sich mit Null- und Negativ-Zinsen rumplagen, können sich Staaten kräftig verschulden und sogar dabei noch verdienen. Vor diesem Hintergrund fordern viele, dass sich Deutschland von der „schwarzen Null“ verabschieden und in Bildung, Infrastruktur, Digitales etc. investieren solle. Dieser Meinung sind wir nicht!

Erstens sind viele dieser Themen gar nicht Aufgabe des Zentralstaates, sondern der Länder (Bildung, Infrastruktur) oder diverser Unternehmen und Gebietskörperschaften (Digitale Netze, Stromleitungen, Erneuerbare Energien, etc.).

Zweitens ist unseres Erachtens das Problem veralteter Infrastruktur in Deutschland kein Problem des mangelnden Geldes, sondern der kaum mehr machbaren Umsetzbarkeit: Flughäfen, Bahnhöfe, Stromtrassen (egal ob unter- oder überirdisch), Windräder, Wasserkraftwerke, Funkmasten, Wasserspeicher, Geothermie-Anlagen, Logistik-Zentren, Forschungseinrichtungen für Chemie, Pharma oder Atom, usw. sind vor Ort aufgrund heftiger Widerstände kaum umzusetzen oder erfordern Jahrzehnte der Planung und Einbeziehung diverser Bürgergruppen. Es existiert in der Vielzahl der Fälle kein Finanzierungs-Problem!

DEUTSCHLAND-FONDS – Verschuldung für eine Investition in die Zukunft

Es wäre doch konstruktiv darüber nachzudenken, dass der Staat sich zwar neu verschuldet, aber das Geld gewinnbringend in die Zukunft investiert, z.B. um den demographischen Faktor für die nächsten Generationen abzumildern. Andere Länder, wie z.B. Norwegen, können hierbei durchaus als Vorbild dienen. Seit vielen Jahren fließen die üppigen Einnahmen aus dem Ölgeschäft in einen Staatsfonds zur Sicherung und Stabilisierung der Zukunftsfähigkeit des Landes. Eine mögliche Finanzierung für Deutschland könnte wie folgt aussehen: Der Bund verschuldet sich mit 500 Mrd. Euro auf 10 und 30 Jahre. Dies würde die Schuldenquote von derzeit knapp unter 60% auf ca. 74% des BIP anheben. Das wäre immer noch weit unter dem Niveau der meisten anderen Staaten (Frankreich 100%, USA 100%, etc.).  Dieses Kapital könnte man in ein internationales Aktienportfolio investieren, verwaltet von unabhängigen Vermögensverwaltern unter Aufsicht der Bundesbank. Da das Geld somit nicht weg, sondern gewinnbringend investiert wäre, würde sich wohl die Bonität Deutschlands dadurch nicht einmal verschlechtern. Ganz nebenbei würde man sogar noch rund 2,5 Mrd. Euro Negativ-Zinsen einnehmen.

Wie sieht eine realistische Hochrechnung aus?

Deutsche Aktiengesellschaften verzeichnen aktuell - trotz diverser Belastungen aus Handelskrieg, Diesel- und sonstigen wirren Politik-Belastungen - eine Gewinnrendite von ca. 8%. International ist diese etwas geringer bei ca. 6%. Rechnen wir vorsichtig: 5% durchschnittlicher Ertrag von 500 Mrd. Euro sind 25 Mrd. Euro pro Jahr! Über die nächsten 10 Jahre gerechnet, bis die geburtenstarken Jahrgänge alle in Rente sind, ergäbe sich ein Ertrag von 250 Milliarden Euro (ohne Zinseszins!). Nun kommt der Zinseszins noch hinzu und darüber hinaus schlagen wir vor, weitere 100 Mrd. pro Jahr in einen solchen Deutschland-Fonds zu stecken. Dann ergäbe sich folgende Rechnung:

 Einmalanlage: 500 Mrd. Euro

·         Jährliche Zusatz-Investition: 100 Mrd. Euro

·         Durchschnitts-Ertrag: 5%

·         Endergebnis nach 10 Jahren: 2.100 Milliarden Euro!

Nicht nur das demographische Problem wäre gelöst, ohne Neuverschuldung, ohne Belastung zukünftiger Generationen, ohne fadenscheinige Rentensystemveränderungen und zum Wohl der Bürger. Darüber hinaus würde eine solche Maßnahme ganz grundsätzlich die Sicht auf Aktien als Altersvorsorgeinstrument und als zentrales Finanzierungsinstrument der Wirtschaft massiv verbessern. Somit ökonomische Intelligenz in der Politik und Gesellschaft fördern und sinnvolles wirtschaftliches Handeln vorantreiben. Ein Aufschwung und Befreiungsschlag würde durch unser Land gehen, der den Wohlstand, die Prosperität und vor allem die Zukunftszuversicht unserer Gesellschaft in eine ganz neue Dimension katapultieren würde.

Zurück zu den Niederungen der aktuellen Marktlage und Fazit

Wir denken, dass die Belastungsfaktoren für die Wirtschaft und die Börsen v.a. politischer Natur sind und nicht endogen, also aus der Wirtschaft selbst heraus. Deshalb erachten wir die extremen Bewertungs-Differenzen zwischen Anleihen und Aktien aufgrund von Fluchtreflexen und Notenbank-Erwartungen als nicht nachhaltig. Wir könnten uns gut vorstellen, dass der Anleihen-Hype nach den Notenbank-Sitzungen in den kommenden beiden Wochen endet und sich mindestens relativiert. Anleger in Anleihen könnten über Gewinnmitnahmen nachdenken und günstige Aktien in Deutschland und Europa erwerben, ganz so wie wir das bereits seit Monaten für etwaige Sommer-Korrekturen angemahnt haben. Absolut betrachtet führt an Aktien als strategischem Rendite-Lieferant sowieso kein Weg vorbei. Immer mehr Anleger werden dies berücksichtigen (müssen).